Die Vergreisung

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Die Demographie ist ein gewichter Faktor für die Wirtschaft. Wie viele Menschen leben und wie alt diese sind bestimmt in hohem Maße die konjunkturelle Dynamik. Dieser Umstand ist weithin bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, dass auch Bankbilanzen vergreisen können. Und die EZB trägt mit ihrer Geldpolitik erheblich dazu bei. Auch diese "demographische Änderung" kann erhebliche Folgen haben - für die Wirtschaft, aber vor allem für die Bankkunden!

Die EZB hat in einer historischen Entscheidung ein sogenanntes "quantitative easing", also eine quantitative Lockerung ihrer Geldpolitik beschlossen. Das ist nicht wirklich neu, denn der Ankauf von Vermögensgegenständen gegen Zentralbankgeld - um nichts anderes handelt es sich bei "QE" - wurde schon immer von Notenbanken praktiziert. Auch die Bundesbank, die derzeit oft als das schillernde Vorbild unter den Notenbanken stilisiert wird, hat dies früher so gehalten. Damals nannte man es "Offenmarktpolitik" und gehörte ganz selbstverständlich zum Arsenal der Bundesbank.

Neu sind hingegegen die Volumina der Operationen (1.140 Milliarden Euro bis September 2016) sowie die Tatsache, dass die EZB Anleihen eines bunten Straußes von Staaten in ihr Portfolio kaufen muss, was Sorgen vor einer Haftung der Steuerzahler für die Schulden fremder Länder weckt.

Die Folgen dieser Politik sind an den Anleihemärkten schon seit geraumer Zeit zu beobachten: Global sinken die Zinssätze über alle Laufzeiten hinweg. Einer Studie der Bank of America zufolge weisen inzwischen alleine in Euroland, Japan und der Schweiz Anleihen im Volumen von mehr als 7 Billionen US-Dollar (!) negative Renditen auf. Dies hat dramatische Folgen. Zum einen für Pensionskassen und andere Versorgungseinrichtungen, die kaum noch in der Lage sind ihre Leistungszusagen zu erwirtschaften.

Zum anderen führt es aber auch dazu, dass inzwischen ganze Marktsegmente austrocknen. Sei es, weil ein Handel ökonomisch sinnlos geworden ist oder die Anleger bestimmte Bestände - aus Mangel an Alternativen - horten. Verstärkt wird diese Tendenz durch den Wegfall von Eigenhandelsgeschäft der Banken, die sich dank Regulierung, sinkender Erträge oder höherer Eigenkapitalanforderungen aus dem "market making", also aus dem Geschäft der Liquiditätsbereitstellung am Sekundärmarkt, mehr und mehr zurückgezogen haben.

Noch vergleichsweise wenig wird über weitere Folgen dieser Politik für die Banken gesprochen. In den Augen vieler Menschen gehören die Banken sicher nicht zu den Institutionen, die besonderer Schonung bedürfen. Dennoch kann es uns nicht gleichgültig sein, wenn dieser zentrale Sektor existenziellen Bedrohungen ausgesetzt wird. Dies ist jedoch in dem Maße der Fall, indem sich Zinsmargen verflüchtigen und Ertragsmöglichkeiten beschnitten werden.

Zu letzterem zählt beispielsweise die neue Regulierung, die unter dem Namen LCR (liquidity cover ratio) die Banken dazu zwingt, wesentliche Teile ihrer Aktive in Staatsanleihen des Euroraumes vorzuhalten. Was den EU-Finanzministern hilft, untergräbt die Risikobereitschaft und die -tragfähigkeit der Kreditinstitute und behindert den geldpolitischen Transmissionsmechanismus - wirkt also dem QE der EZB in gewisser Weise entgegen!

Es entsteht aber eben auch das - in der Überschrift dieses Artikels avisierte - Problem der "Vergreisung". Was meinen wir damit? Schauen wir uns hierzu einmal ein vereinfachtes Schema einer Bankbilanz an:

Vereinfachtes Schema einer Bankbilanz

Die Bilanz besteht zum einen aus der Passivseite. Hier ist aufgelistet, woher die Mittel einer Bank stammen. Auf der Aktivseite steht zum anderen, wie die Bank die Mittel verwendet.

Durch die anhaltende Niedrigzinspolitik möchten sich potentielle Geldanleger / Sparer ungern lange binden. Dies führt dazu, dass vor allem Sichteinlagen und Tagesgelder auf der Einlagenseite einer Bank dominieren. Man darf zudem annehmen, dass diese Kunden davon ausgehen, dass ihnen ihre Mittel jederzeit und vollumfänglich zur Verfügung stehen.

Auf der Anlageseite kämpft die Bank mit dem gleichen Problem wie ihre Kunden. Sie muss "produktive" Verwendungen für die ihr anvertrauten Mittel finden. Diese können sich jedoch nicht mehr in kurzfristigen Anlagen finden lassen, da diese für die Bank sogar noch schlechter verzinst sind (Stichwort: Negativzins der EZB) als die Bank dies ihren Kunden zumuten kann oder will. Um Ertrag zu erzielen, muss die Bank ausweichen. Entweder in längere Laufzeiten oder in riskantere Produkte. Die Aktivseite wächst demnach vor allem in den Positionen "Wertpapiere", "Schuldscheindarlehen" und "Langfristige Ausleihungen". Letzteres hängt natürlich auch damit zusammen, dass die kreditsuchenden Kunden der Bank inzwischen Zins-Festschreibungen von weit mehr als 10 Jahren nachfragen - etwas, das vor 20 Jahren so gut wie nie vorkam.

Im Ergebnis steigt die Kapitalbindungsdauer auf der Aktivseite an, während sie auf der Passivseite sinkt! Zudem sinkt, wie zuvor bereits skizziert, die Liquidität der Assets auf der Aktivseite, während die Kunden auf der Passivseite von einer extrem hohen Verfügbarkeit ihrer Einlagen ausgehen! Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung. Man stelle sich vor, tatsächlich käme ein substantieller Anteil der Sparer auf die Idee, ihre Einlagen zurückzufordern. Es wäre dabei ganz egal, ob dies geschieht, weil die Kunden Bargeld, Immobilien, Gold oder Aktien erwerben wollten. Die Nachfrage träfe auf eine Bankbilanz, die durch Illiquidität (= sinkende Beweglichkeit) und zunehmend längere Laufzeit geprägt ist = "Vergreisung". Wie schnell würde dies eine Bank überfordern?

Ungeachtet der Tatsache, wie Kunden ihr Geld bei einer Bank angelegt haben, sollten diese immer bedenken, dass ihre Einlage nur so liquide ist wie die Aktiva der Bank, der sie das Geld anvertraut haben. Zwar würden gewisse Engpässe durch die "unbegrenzten Tender der EZB" wohl weitgehend aufgefangen werden können. Dies aber nur zum Preis einer weiteren Schwächung der Ertragslage der Banken. Im Jahr 2015 sind alte Schwächen des Bankensystems, wie sie 2008 zu Tage traten, beseitigt, Neue Problemfelder zeichnen sich aber am Horizont ab. Dieses Mal tragen hierfür die Banken nicht die Verantwortung. Die Schuldigen sind in der Politik und im EZB-Tower zu suchen.

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